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Heißer Anwärter aufs beste Buch, das je geschrieben wurde
• • • • •   (bewertet mit 5 von 5 Punkten)

Ich habe kürzlich Effi Briest nach fast zwanzig Jahren mal wieder gelesen und wusste nicht mehr, wie (!) gut es ist. Wie bekannt geht es um die 17jährige Effi aus gutem Hause, die den fast vierzigjährigen Baron von Innstett heiratet (ein Jugendverehrer ihrer Mutter) und mit ihm in einen abgelegenene Badeort an der Ostsee zieht, in dem er Landrat ist. Sie ist dort gelangweilt und fürchtet sich in dem Haus des Landrats, das voller unheimlicher Seefahrer-Devotionalien ist und in dem es überdies spuken soll. Aus ihrer Einöde heraus lässt sie sich auf eine (sehr dezent geschilderte) Affäre mit dem ebenfalls deutlich älteren Major Crampas ein (ein Jugendfreund von Instettens), der in den Ort zieht. Als ihr Mann ins Ministerium nach Berlin befördert wird, beendet sie die Affäre gerne und sie leben dort drei Jahre. Schließlich kommt es aber doch raus. Innstetten fordert Crampas zum Duell und Effi wird für einige Zeit von ihrer eigenen Eltern verstoßen.

Es hat mich überrascht, hier soviele negative Rezensionen zu lesen, kann das aber eher verstehen, wenn man bedenkt, dass es arme Schüler sind, die genötigt wurden, das Buch zu lesen. Es ist für die heutige Generation sicher zunächst mal wenig zugänglich und bedarf einer Erläuterung, die im Schulunterricht selten glücklich ausfällt.

Tatsächlich gibt es wenig offensichtlich mitreißende Handlung und viel Milieuschilderung und Nebenfiguren. Langweilig wird es dafür aber für mich nicht. Ich habe seitenweise mitgefiebert, ob Effi sich nun mit Crampas einlässt, ob es rauskommt, wie das Duell ausgeht (und das obwohl ich die Handlung vorher kannte). Wichtig ist aber vielmehr die Bedeutung der Nebenfiguren und Milieuschilderungen zu verstehen. Schülern und jungen Menschen mag das unwichtig vorkommen, weil sie das Leben geprägt sehen von Menschen, deren Träumen, Gefühlen und Entscheidungen. Vieles scheint machbar, wenn man es nur will.

Spätestes mit ca. Dreißig werden sie aber anfangen selber mitzubekommen, wie wenig dies das Leben oft bestimmt, und welch große Wichtigkeit dafür Milieus, materielle und soziale Umwelt erhält. Andere und man selbst beurteilen einen zunehmend weniger danach, was man sagt, denkt und tut, sondern nachdem was man hat, mit was man sich umgibt und in welcher Form man gesellschaftliche Konventionen erfüllt. Letzere nehmen auch im eigenen Denken einen immer größeren Raum ein. Deswegen (!) schildert Fontane das so ausführlich und es wichtig das zu spüren und zu erfassen.

Eigentlich alle Figuren im Buch sind Getriebene und Erfüllungsgehilfen ihrer Gesellschaft und Prägungen und spielen ihre Rolle. Natürlich zweifeln sie daran und begehren auf, aber das auch oft eher unüberzeugt und wankelmütig (wie Effi, der die Affäre mit Crampas letzlich nicht viel bedeutet). Gerade darum geht es: Die Gesellschaft mit ihren Spinnereien, überhöhten Details, starren Formen und überkommenen Manierismen zu verstehen und was sie mit den Leuten anfängt.

Und das ist heute nicht anders als damals, nur die Inhalte haben gewechselt. Die richtigen Kleider, Gläser, Kaffeetassen/maschinen sind immer noch wichtig (und man beurteilt - tragischerweise - seine Freunde danach) und je älter man wird, umso weniger kümmert man sich um Träume und große Dinge, sondern konzentriert seine Energie auf zentrale Dinge wie die richtigen Möbel, die richtige Tapete oder neue Messer für die Küche. Alles beim alten also und wenn man das nur austauscht, so wird hier immer noch meisterhaft beschrieben, wie die Umwelt den Menschen prägt und einfängt.

Und sicher duellieren sich heute betrogener Ehemann und Liebhaber nicht mehr, aber die Gefühle von Eifersucht, Aggressivität, Schmerz, Verletzheit, Vorwürfen, Zweifel sind immer noch die gleichen und bei aller Toleranz gegenüber gelebter Promiskuität verinnerlicht das kaum jemand, sondern lebt oder toleriert es eben, weil das heute so ist. Opfer seiener Gesellschaft und ihrer Werthaltungen wie die Damen und Herren im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Meisterhaft zudem der Aufbau des Romans und wie z.B. Figuren langsam eingeführt, Ereignisse zart lange vorher angedeutet werden, Nebenfiguren kurz auftauchen, etwas symbolisieren, um dann wieder zu verschwinden. Eine Komposition, wie man sie heute aus TV-Serien wie "Six Feet Under" oder "Mad Men" kennt und wo sie als modern hochgelobt werden. Die Pausen zwischen Handlungsteilen, die Jahre behandeln können, sind eine bewusste Auslassung, die den Leser enger an die Figuren bindet, weil er im eigenen Herzen bewegen kann, wie es den Figuren in der Zeit ergangen ist. Es erhöht den Charakter des Geheimnisvollen und Zeitlosen.

Fazit: Ein Roman, der heute für viele vielleicht nicht gleich zugänglich ist, aber des Lesen, wenn man ihn deuten kann, mehr als wert. In der Liste der besten Bücher der Welt für mich auf einem der vordersten Plätze, wegen der zeitlosen Schilderung, wie die Individualität, die Gefühle, die vermeintlich großen Dinge wie Liebe im Wirkungsfeld der Gesellschaft sich meist doch nur in Alltäglichkeiten realisieren. Kein packend-großer Roman, distanziert geschildert, aber gerade aus dieser Distanz unheimlich präzise und mit dieser erzählerischen Distanziertheit eben das Thema der Distanzierung des Menschen von seinem eigenen Leben in der Form kongenial umsetzend.
Eine Rezension von Grüner Baum >
vom 2. Juli 2010
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