Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui (edition suhrkamp)
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Hitler als "Sohn der Bronx"
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Darf man über Hitler lachen?
Erst kürzlich ist diese Frage wieder gestellt worden, als der Regisseur Dani Levy seine Hitler-Parodie "Mein Führer" (mit Helge Schneider in der Hauptrolle) veröffentlichte. Und auch Charlie Chaplins "Der große Diktator" hatte Jahrzehnte zuvor dieselbe Frage aufgeworfen. Dabei hat Bertolt Brecht ebendiese 1941 bereits mit einem parodistischen Parabelstück auf den Aufstieg Adolf Hitlers beantwortet: "Die großen politischen Verbrecher müssen durchaus preisgegeben werden, und vorzüglich der Lächerlichkeit."
"Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui", den Brecht in der Emigration in Finnland verfasste, schildert die Machtergreifung Adolf Hitlers, dessen Wirkungsbereich in die Gangsterszene Chicagos verlegt und dessen Herzensanliegen nicht die Weltherrschaft der arischen Rasse, sondern der Grünzeughandel der Stadt ist.
Arturo Ui, Gangster, vegetiert anfangs phlegmatisch vor sich hin, sein Ego leidet am mangelnden Respekt, der ihm als Ganoven entgegengebracht wird. Da kommt ein Korruptionsskandal des sonst so integren Stadtrats Dogsborough (=Reichspräsident Hindenburg) gerade recht, den Ui gnadenlos nutzt, um den altehrwürdigen Politiker gegen Ende dessen Schaffenszeit zu erpressen und sich selbst an die Spitze des Gemüsekartells zu stellen. Als plötzlich ein Speicher eines Grünzeughändlers in Flammen steht (cf. Reichstagsbrand) beschwört Ui den Dämon von Chaos, Bedrohung und Unsicherheit herauf, der die Gemüsehändler der Stadt bedrohe, um sich freilich im selben Atemzug noch als Retter der Schutzlosen zu empfehlen, dessen Mannen für ein kleines Schutzgeld Protektion offerieren. Für die Brandstiftung letztlich wird ein unter Drogen gesetzter Arbeitsloser, der genauso schuldig war wie Nachbars Katze, von korrupten Richtern zu 15 Jahren Haft verurteilt - und Uis Schergen, die man zur Tatzeit noch mit Petroleumkannen in der Hand gesehen hatte, können fröhlich pfeifend aus dem Gerichtssaal spazieren.
Sodann wird bestochen und gedroht und gemordet - auch in den eigenen Reihen: Ernesto Roma (=Hitler-Vertrauter Röhm) wird - Hitler verdächtigt ihn der Intrige und des Verrats - "präventiv" ermordet). Doch nicht genug an Einfluss: Nach der Machtergreifung in Chicago strebt Ui - vom kapitalistischen Geist getragen - die Expansion des Karfioltrusts auf die Nachbarstadt Cicero (=Österreich) an.
Nachdem der einflussreiche, Ui-kritische Zeitungsverleger Ignatius Dullfeet (=Österreichs Kanzler Engelbert Dollfuß) beseitigt ist, wirbt Ui in vollstem Zynismus noch am Tag der Beisetzung bei Mrs. Dullfeet, nun Witwe, um Unterstützung und Sympathie für die seinen, die Mörder ihres Mannes - unter Androhung von Zwang willigt sie sardonisch und resignierend ein. Eine "freie" Wahl nach der Annexion unter den Gemüsehändlern der Stadt ergibt beinahe 100 % Zustimmung für Ui, der rhetorisch fragt: "Wer ist für mich? Und wie ich nebenbei erwähnen will: Wer da nicht für mich ist, ist gegen mich und wird für diese Haltung die Folgen selbst sich zuzuschreiben haben. Jetzt könnt ihr wählen!"
Dass Ui bzw. Hitler seinen politischen Aufstieg vornehmlich dem schussbereiten Browning in der Hand verdankte, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass er teils subtil, teils brutal die vorherrschenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse konsequent ausnutzte, um an die Macht zu gelangen. Bertolt Brecht leitet daraus die potentielle Gefahr einer Wiederholung der nationalsozialistischen Machtergreifung in der heutigen Gesellschaft ab, die ich persönlich auch aufgrund der kapitalismuskritischen Färbung dieser Aussage des bekennenden Sozialisten Brecht für überzogen und ungerechtfertigt halte.
Dennoch ist Bertolt Brecht mit "Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" ein gesellschaftskritisches, humorvolles und überaus bedeutsames Stück gelungen: Die "Entdämonisierung" der nationalsozialistischen Verbrecher lässt diese gleich doppelt lächerlich erscheinen, indem sie Brecht 1) in das Gangstermilieu Chicagos transferiert und die Machterlangung sich auf das städtische Grünzeugkartell bezieht und 2) diese kleinkriminellen Kreaturen aus der Bronx zudem noch in den glatten Jamben des deutschen klassischen Dramas parlieren lässt - mit dem Ziel freilich, die Andacht und Bewunderung, die große Verbrecher der Menschheitsgeschichte durch die Extravaganz ihrer Pläne und Ziele, die sich der Vorstellungskraft des Menschen entziehen, bei Kleinbürgern oft hervorrufen, zu eliminieren: "Dieser Respekt vor den Tötern muss zerstört werden.", schreibt Brecht in seinen Bemerkungen zum Stück. Denn "so wenig das Misslingen seiner Unternehmungen Hitler zu einem Dummkopf stempelt, so wenig stempelt ihn der Umfang dieser Unternehmungen zu einem großen Mann."
Eine Rezension von Hans-Jürgen >
vom 1. Mai 2007
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