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"Stimmt nicht", sagte Raspe. "Für so verrannt kann ich keinen von uns halten. Stechlin sitzt da oben in Ostpreußen und kann doch unm"glich in seinen Mußestunden hierher intrigiert und einen etwaigen Rivalen aus dem Sattel geworfen haben. Und unser Oberst! Der ist doch auch nicht der Mann dazu, sich irgendwen aufreden zu lassen. Der kennt seine Pappenheimer. Und wenn er sich den Stechlin aussucht, dann weiß er, warum. Übrigens, Dienst ist Dienst; man geht nicht, weil man will, sondern weil man muß. Spricht er denn Englisch?" "Ich glaube nicht", sagte von Grumbach. "Soviel ich weiß, hat er vor kurzem damit angefangen, aber natürlich nicht wegen dieser Mission, die ja wie vom blauen Himmel auf ihn niederfällt, sondern der Barbys wegen, die beinah zwanzig Jahre in England waren und halb englisch sind. Im übrigen hab ich mir sagen lassen, es geht drüben auch ohne die Sprache. Herbstfelde, Sie waren ja voriges Jahr da. Mit gutem Deutsch und schlechtem Franz"sisch kommt man überall durch." "Ja", sagte Herbstfelde. "Bloß ein bißchen Landessprache muß doch noch dazukommen. Indessen, es gibt ja kleine Vademecums, und da muß man dann eben nachschlagen, bis mans hat. Sonst sind hundert Vokabeln genug. Als ich noch zu Hause war, hatten wir da ganz in unsrer Nachbarschaft einen verdrehten alten Herrn, der eh ihn die Gicht unterkriegte sich so ziemlich in der ganzen Welt herumgetrieben hatte. Pro neues Land immer neue hundert Vokabeln. Unter anderm war er auch mal in Südrußland gewesen, von welcher Zeit ab und zwar nach vorgängiger, vor einem großen Lik"rkasten stattgehabten Anfreundung mit einem uralten Popen er das Amendement zu stellen pflegte: Hundert Vokabeln; aber bei nem Popen bloß fünfzig. Und das muß ich sagen, ich habe das mit den hundert in England durchaus bestätigt gefunden. Mary, please, a jug of hot water, so viel muß man weghaben, sonst sitzt man da. Denn der Naturengländer weiß gar nichts." "Wie lange waren Sie denn eigentlich drüben, Herbstfelde?" "Drei Wochen. Aber die Reisetage mitgerechnet." "Und sind Sie so ziemlich auf Ihre Kosten gekommen? Einblick ins Volksleben, Parlament, Oxford, Cambridge, Gladstone?" Herbstfelde nickte. "Und wenn Sie nun so alles zusammennehmen, was hat da so den meisten Eindruck auf Sie gemacht? Architektur, Kunst, Leben, die Schiffe, die großen Brücken? Die Straßenjungens, wenn man in einem Cab vorüberfährt, sollen ja immer Rad neben einem her schlagen, und die Dienstmädchen, was noch wichtiger ist, sollen sehr hübsch sein, kleine Hauben und Tändelschürze." "Ja, Raspe, da treffen Sies. Und ist eigentlich auch das lnteressanteste. Denn sogenannte Meisterwerke gibt es ja jetzt überall, von Kirchen und dergleichen gar nicht zu reden. Und Schiffe haben wir ja jetzt auch und auch ein Parlament. Und manche sagen, unsres sei noch besser. Aber das Volk. Sehen Sie, da steckt es. Das Volk ist alles." "Na, natürlich Volk. Oberschicht überall ein und dasselbe. Was da los ist, das wissen wir." "Und eigentlich hab ich die ganzen drei Wochen auf nem Omnibus gesessen und bin abends in die Matrosenkneipen an der Themse gegangen. Ein bißchen gefährlich; man hat da seinen Messerstich weg, man weiß nicht wie, ganz wie in Italien. Bloß in Italien gibt es vor her doch immer noch ein Liebesverhältnis, was in Old-Wapping so heißt nämlich der Stadtteil an der Themse nicht mal n"tig ist. Und dann, wenn ich zu Hause war, sprach ich natürlich mit Mary. Viel war es nicht. Denn die hundert Vokabeln, die dazu n"tig sind, die hatte ich damals noch nicht voll." "Na, s ging aber doch?" "So leidlich. Und dabei hatt ich mal ne Szene, die war eigentlich das Hübscheste. Meine Wohnung befand sich nämlich eine Treppe hoch in einer kleinen stillen Querstraße von Oxford- Street. Und Mary war gerade bei mir. Und in dem Augenblicke, wo ich mich mit dem hübschen Kinde zu verständigen suche ..." "Worüber?" "In demselben Augenblicke sieht ein Chinese grinsend in mein Fenster hinein, so daß er eigentlich eine Ohrfeige verdient hätte." "Wie war denn das aber m"glich?" 107 |  |
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