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Der Stechlin

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"Ja, das ist ja eben das, was ich das Londoner Volksleben nenne. Alle s m"gliche, wovon wir hier gar keine Vorstellung haben, vollzieht sich da mitten auf dem Straßendamm. Und so waren denn auch an jenem Tage zwei Chinesen, ihres Zeichens Akrobaten, in die Querstraße von Oxford-Street gekommen,  und  der  eine,  ein  dicker  starker  Kerl,  hatte einen Gurt um den Leib, und in der Öse dieses Gurtes steckte ‘ne Stange, auf die der zweite Chinese hinaufkletterte. Und wie er da oben war, war er gerade in H"he meiner Beletage und sah hinein, als ich mich eben bemühte, mich Mary klarzumachen." "Ja,  Herbstfelde,  das  war  nu  freilich  ein  Pech,  und  wenn  Sie  wieder  drüben sind, müssen Sie nach hinten hinaus wohnen oder h"her hinauf. Aber interessant ist es doch. Und ich bezweifle nur, daß Stechlin in eine gleiche Lage kommen wird." "Gewiß nicht. Daran hindern ihn seine Moralitäten." "Und noch mehr die Barbys." Zweiundzwanzigstes Kapitel Woldemar, von der ihm bevorstehenden Auszeichnung unterrichtet, kürzte seinen Aufenthalt in Ostpreußen um vierundzwanzig Stunden ab, hatte aber trotzdem, nach seinem Wiedereintreffen in Berlin,  nur  noch  zwei  Tage  zur  Verfügung.  Das  war  wenig.  Denn  außer  allerlei  zu  treffenden Reisevorbereitungen  lag  ihm  doch  auch  noch  ob,  verschiedene  Besuche  zu  machen,  so  bei  den Barbys, bei denen er sich für den letzten Abend schon brieflich angemeldet hatte. Dieser Abend war nun da. Die Koffer standen gepackt um ihn her, er selber aber lehnte sich, ziemlich  abgespannt,  in  seinen  Schaukelstuhl  zurück,  nochmals  überschlagend,  ob  auch  nichts vergessen sei. Zuletzt sagte er sich: "Was nun noch fehlt, fehlt; ich kann nicht mehr." Und dabei sah  er  nach  der  Uhr.  Bis  zu  seinem  am  Kronprinzenufer angesagten Besuche war noch fast eine Stunde. Die wollt’ er ausnutzen und sich vorher nach M"glichkeit ruhn. Aber er kam nicht dazu. Sein Bursche trat ein und meldete: "Hauptmann von Czako." "Ah, sehr willkommen." Und  Woldemar,  so  wenig  gelegen  ihm  Czako  auch  kam,  sprang  doch  auf  und  reichte  dem Freunde die Hand. "Sie kommen, um mir zu meiner englischen Reise zu gratulieren. Und wiewohl es  soso  damit  steht,  Ihnen  glaub’  ich’s,  daß  Sie’s  ehrlich  meinen.  Sie  geh"ren  zu  den  paar Menschen, die keinen Neid kennen." "Na, lassen wir das Thema lieber. Ich bin dessen nicht so ganz sicher; mancher sieht besser aus, als er ist. Aber natürlich komm’ ich, um Ihnen wohl oder übel meine Glückwünsche zu bringen und meinen Reisesegen dazu. Donnerwetter, Stechlin, wo will das noch mit Ihnen hinaus! Sie werden natürlich Londoner Militärattaché, sagen wir in einem halben Jahr und in ebensoviel Zeit haben Sie sich drüben sportlich eingelebt und etablieren sich als Sieger in einem Steeple Chase, vorausgesetzt, daß es so was noch gibt (ich glaube nämlich, man nennt es jetzt alles ganz anders). Und vierzehn Tage nach Ihrem ersten großen Sportsiege verloben Sie sich mit Ruth Russel oder mit Geraldine Cavendish, haben den Bedforder- oder den Devonshire-Herzog als Rückendeckung und gehen als Generalgouverneur nach Mittelafrika, links die Zwerge, rechts die Menschenfresser. Emin soll ja doch eigentlich aufgefressen sein." "Czako, Sie machen sich’s zunutze, daß die Mittagsstunde glücklich vorübe r ist, sonst k"nnten Sie’s  kaum  verantworten.  Aber  rücken  Sie  sich  einen  Sessel  ran,  und  hier  sind  Zigaretten.  Oder lieber Zigarre?" "Nein, Zigaretten ... Ja, sehen Sie, Stechlin, solche Mission oder wenn auch nur ein Bruchteil davon ..." "Sagen wir Anhängsel." 108
  
Frau Jenny Treibel. (Broschiert)
von Theodor Fontane
Siehe auch:
Frau Jenny Treibel. Erläuterungen und Dokumente. (Lernmaterialien)
von Walter Wagner
Irrungen Wirrungen.
von Theodor Fontane
Der Stechlin.
von Theodor Fontane
L' Adultera. (Berliner Frauenromane).
von Theodor Fontane
 
    
     
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