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Der Stechlin

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zu viel –, also während meiner italienischen Tage hab’ ich vor so vielen Himmelfahrten gestanden, daß ich jetzt für Stiefeletten im Sonnenschein bin." "Ganz  mein  Fall,  liebe  Melusine.  Freilich  bin  ich  jetzt  nebenher  auch  noch  fürs  Japanische: Wasser und drei Binsen und ein Storch daneben. In meinen Jahren darf ich ja von Storch sprechen. Früher hätt’ ich vielleicht Kranich gesagt." "Nein, Baronin, das glaub’ ich Ihnen nicht. Sie  waren immer für das, was sie jetzt Realismus nennen, was meistens mehr Ton und Farbe hat, und dazu geh"rt auch der Storch. Deshalb lieb’ ich Sie ja gerade so sehr. Ach, daß doch das Natürliche wieder obenauf  käme." "Kommt, liebe Melusine." Melusinens kribbelnder kleiner Finger behielt recht. Es kam wirklich Besuch, erst Wrschowitz, dann aber – statt der drei, die sie noch nebenher gemutmaßt hatte – nur Czako. Der  Empfang  des  einen  wie  des  andern  der  beiden  Herren  hatte  vorn  im  Damenzimmer stattgefunden,  ohne  Gegenwart  des  alten  Grafen.  Dieser  erschien  erst,  als  man  zum  Tee  ging;  er hieß seine Gäste herzlich willkommen, weil er jederzeit das Bedürfnis hatte, von dem, was draußen in der Welt vorging, etwas zu h"ren. Dafür sorgte  denn auch jeder auf seine Weise: die Baronin durch    Mitteilungen    aus    der    oberen    Gesellschaftssphäre,    Czako    durch    Av ancements    und Demissionen  und  Wrschowitz  durch  "Krittikk".  Alles,  was  zur  Sprache  kam,  hatte  für  den  alten Grafen so ziemlich den gleichen Wert, aber das Liebste waren ihm doch die Hofnachrichten, die die Baronin mit glücklicher Ungeniertheit zum besten gab. Wendungen wie "ich darf mich wohl Ihrer Diskretion  versichert  halten"  waren  ihr  gänzlich  fremd.  Sie  hatte  nicht  bloß  ganz  allgemein  den Mut ihrer Meinung, sondern diesen Mut auch in betreff ihrer jedesmaligen Spezialgeschichte, von der man in der Regel freilich sagen durfte, daß sie desselben auch dringend bedürftig war. "Sagen  Sie,  liebe  Freundin",  begann  der  alte  Graf,  "was  wird  das  jetzt  so  eigentlich  mit  den Briefen bei Hofe?" "Mit den Briefen? Oh, das wird immer sch"ner." "Immer sch"ner?" "Nun,  immer  sch"ner",  lachte  hier  die  Baronin,  "ist  vielleicht  nicht  gerade  das  rechte  Wort. Aber  es  wird  immer  geheimnisvoller.  Und  das  Geheimnisvolle  hat  nun  mal  das,  worauf  es ankommt,  will  sagen  den  Charme.  Schon  die  beliebte  Wendung  ›rätselhafte  Frau‹  spricht  dafür; eine Frau, die nicht rätselhaft ist, ist eigentlich gar keine, womit ich mir pers"nlich freilich eine Art Todesurteil ausspreche. Denn ich bin alles, nur kein Rätsel. Aber am Ende, man ist, wie man ist, und so muß ich dies Manko zu verwinden suchen ... Es heißt immer, ›üble Nachrede, drin man sich mehr oder weniger mit Vorliebe gefalle, sei was Sündhaftes‹. Aber was heißt hier ›üble Nachrede‹? Vielleicht  ist  das,  was  uns  so  bruchstückweise  zu  Geh"r  kommt,  nur  ein  schwaches  Echo  vom Eigentlichen und bedeutet eher ein Zuwenig als ein Zuviel. Im übrigen; wie’s damit auch sei, mein Sinn  ist  nun  mal  auf  das  Sensationelle  gerichtet.  Unser  Leben  verläuft,  offen  gestanden,  etwas durchschnittsmäßig, also langweilig, und weil dem so ist, setz’ ich getrost hinzu: ›Gott sei Dank, daß es Skandale gibt.‹ Freilich für Armgard ist so was nicht gesagt. Die darf es nicht h"ren." "Sie  h"rt  es  aber  doch",  lachte  die  Komtesse,  "und  denkt  dabei:  was  es  doch  für  sonderbare Neigungen und Glücke gibt. Ich habe für dergleichen kein Organ. Unsre teure Baronin findet unser Leben langweilig und solche Chronik interessant. Ich, umgekehrt, finde solche Chronik langweilig und unser alltägliches Leben interessant. Wenn ich den Rudolf unsers Portiers Hartwig unten mit seinem hoop und seinen dünnen langen Berliner Beinen über die Straße laufen sehe, so find’ ich das interessanter als diese sogenannte Pikanterie." Melusine  stand  auf  und  gab  Armgard  einen  Kuß.  "Du  bist  doch  deiner  Schwester  Schwester, oder mein Erziehungsprodukt, und zum erstenmal in meinem Leben muß ich meine teure Baronin ganz im Stiche lassen. Es ist nichts mit diesem Klatsch; es kommt nichts dabei heraus." "Ach, liebe Melusine, das ist durchaus nicht richtig. Es kommt umgekehrt sehr viel dabei heraus. Ihr  Barbys  seid  alle  so  schrecklich  diskret  und  ideal,  aber  ich  für  mein  Teil,  ich  bin  anders  und nehme die Welt, wie sie ist; ein Bier und ein Schnaderhüpfl und mal ein Haberfeldtreiben, damit kommt man am weitesten. Was wir da jetzt hier erleben, das ist auch solch Haberfeldtreiben, ein Stück Feme." 117
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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