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Der Stechlin

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Drittes Kapitel Engelke schlug unten im Flur zweimal an einen alten, als Tamtam fungierenden Schild, der an einem der zwei vorspringenden und zugleich die ganze Treppe tragenden Pfeiler hing. Eben diese zwei   Pfeiler   bildeten   denn   auch   mit   dem   Podest   und   der   in   Front   desselben   angebrachten Rokokouhr einen zum Gartensalon, diesem Hauptzimmer des Erdgeschosses, führenden, ziemlich pittoresken  Portikus,  von  dem  ein  auf  Besuch  anwesender  hauptstädtischer  Architekt  mal  gesagt hatte: sämtliche Bausünden von Schloß Stechlin würden durch diesen verdrehten, aber malerischen Einfall wieder gutgemacht. Die   Uhr   mit   dem   Hippenmann   schlug   gerade   sieben,   als   Rex   und   Czako   die   Treppe herunterkamen und, eine Biegung machend, auf den von berufener Seite so glimpflich beurteilten sonderbaren Vorbau zusteuerten. Als die Freunde diesen passierten, sahen sie – die Türflügel waren schon ge"ffnet – in aller Bequemlichkeit in den Salon hinein und nahmen hier wahr, daß etliche, ihnen zu Ehren geladene Gäste bereits erschienen waren. Dubslav, in d unklem Überrock und die Bändchenrosette  sowohl  des  preußischen  wie  des  wendischen  Kronenordens  im  Knopfloch,  ging den  Eintretenden  entgegen,  begrüßte  sie  nochmals  mit  der  ihm  eigenen  Herzlichkeit,  und  beide Herren  gleich  danach  in  den  Kreis  der  schon  Versammelten  einführend,  sagte  er:  "Bitte  die Herrschaften   miteinander   bekannt   machen   zu   dürfen:   Herr   und   Frau   von   Gundermann   auf Siebenmühlen,   Pastor   Lorenzen,   Oberf"rster   Katzler",   und   dann,   nach   links   sich   wendend, "Ministerialassessor von Rex, Hauptmann von Czako  vom Regiment Alexander." Man verneigte sich gegenseitig, worauf Dubslav zwischen Rex und Pastor Lorenzen, Woldemar aber, als Adlatus seines  Vaters,  zwischen  Czako  und  Katzler  eine  Verbindung  herzustellen  s uchte,  was  auch  ohne weiteres gelang, weil es hüben und drüben weder an gesellschaftlicher Gewandtheit noch an gutem Willen gebrach. Nur konnte Rex nicht umhin, die Siebenmühlener etwas eindringlich zu mustern, trotzdem  Herr  von  Gundermann  in  Frack  und  weißer  Binde,  Frau  von  Gundermann  aber  in geblümtem Atlas mit Marabufächer erschienen war, – er augenscheinlich Parvenu, sie Berlinerin aus einem nord"stlichen Vorstadtgebiet. Rex sah das alles. Er kam aber nicht in die Lage, sich lange damit zu beschäftigen, weil Dubslav eben jetzt den Arm der Frau von Gundermann nahm und dadurch das Zeichen zum Aufbruch zu der im    Nebenzimmer    gedeckten    Tafel    gab.    Alle    folgten    paarweise,    wie    sie    sich    vorher zusammengefunden,   kamen   aber   durch   die   von   seiten   Dubslavs   schon   vorher   festgesetzte Tafelordnung  wieder  auseinander.  Die  beiden  Stechlins,  Vater  und  Sohn,  placierten  sich  an  den beiden Schmalseiten einander gegenüber, während zur Rechten und Linken von Du bslav Herr und Frau  von  Gundermann,  rechts  und  links  von  Woldemar  aber  Rex  und  Lorenzen  saßen.  Die Mittelplätze hatten Katzler und Czako inne. Neben einem großen alten Eichenbüfett, ganz in Nähe der  Tür,  standen  Engelke  und  Martin,  Engelke  in  seiner  sandfarbenen  Livree  mit  den  großen Kn"pfen, Martin, dem nur oblag, mit der Küche Verbindung zu halten, einfach in schwarzem Rock und Stulpstiefeln. Der alte Dubslav war in bester Laune, stieß gleich nach den ersten L"ffeln Suppe mit Frau von Gundermann  vertraulich  an,  dankte  für  ihr  Erscheinen  und  entschuldigte  sich   wegen  der  späten Einladung: "Aber erst um zw"lf kam Woldemars Telegramm. Es ist das mit dem Telegraphieren solche Sache, manches wird besser, aber manches wird auch schlechter, und die feinere Sitte leidet nun schon ganz gewiß. Schon die Form, die Abfassung. Kürze soll eine Tugend sein; aber sich kurz fassen, heißt meistens auch, sich grob fassen. Jede Spur von Verbindlichkeit fällt fort, und das Wort ›Herr‹ ist beispielsweise gar nicht mehr anzutreffen. Ich hatte mal einen Freund, der ganz ernsthaft versicherte: ›Der häßlichste Mops sei der sch"nste‹; so läßt sich jetzt beinahe sagen, ›das gr"bste Telegramm ist das feinste‹. Wenigstens das in seiner Art vollendetste. Jeder, der wieder eine neue Fünfpfennigersparnis herausdoktert, ist ein Genie." Diese Worte Dubslavs hatten sich anfänglich an die Frau von Gundermann, sehr bald aber mehr an  Gundermann  selbst  gerichtet,  weshalb  dieser  letztere  denn  auch  antwortete:  " Ja,  Herr  von 12
  
Effi Briest (Gebundene Ausgabe)
von Theodor Fontane
Siehe auch:
Die Leiden des jungen Werther
von Johann Wolfgang von Goethe
Der Schimmelreiter
von Theodor Storm
Der Prozess
von Franz Kafka
Theodor Fontane: Effi Briest. Lektüreschlüssel
von Theodor Pelster
 
    
     
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