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Der Stechlin

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Stechlin, alles Zeichen der Zeit. Und ganz bezeichnend, daß gerade das Wort ›Herr‹, wie Sie schon hervorzuheben die Güte hatten, so gut wie abgeschafft ist. ›Herr‹ ist Unsinn geworden, ›Herr‹  paßt den Herren nicht mehr, – ich meine natürlich die,  die jetzt die Welt regieren wollen. Aber es ist auch danach. Alle diese Neuerungen, an denen sich leider auch der Staat beteiligt, was sind sie? Begünstigungen  der  Unbotmäßigkeit,  also  Wasser  auf  die  Mühlen  der  Sozialdemokratie.  Weiter nichts. Und niemand da, der Lust und Kraft hätte, dies Wasser abzustellen. Aber trotzdem, Herr von Stechlin  –  ich  würde  nicht  widersprechen,  wenn  mich  das  Tatsächliche  nicht  dazu  zwänge  –, trotzdem  geht  es  nicht  ohne  Telegraphie,  gerade  hier  in  unsrer  Einsamkeit.  Und  dabei  das beständige Schwanken der Kurse. Namentlich auch in der Mühlen- und Brettschneidebranche ..." "Versteht sich, lieber Gundermann. Was ich da gesagt habe ... Wenn ich das Gegenteil gesagt hätte,  wäre  es  ebenso  richtig.  Der  Teufel  is  nich  so  schwarz,  wie  er  gemalt  wird,  und  die Telegraphie   auch   nicht,   und   wir   auch   nicht.   Schließlich   ist   es   doch   was   Großes,   diese Naturwissenschaften, dieser elektrische Strom, tipp, tipp, tipp, und wenn uns daran läge (aber uns liegt nichts daran), so k"nnten wir den Kaiser von China wissen lassen, daß wir hier versammelt sind und seiner gedacht haben. Und dabei diese merkwürdigen Verschiebungen in Zeit und Stunde. Beinahe  komisch.  Als  anno  siebzig  die  Pariser  Septemberrevolution  ausbrach,  wußte  man’s  in Amerika  drüben  um  ein  paar  Stunden  früher,  als  die  Revolution  überhaupt  da  war.  Ich  sagte: Septemberrevolution. Es kann aber auch ‘ne andre gewesen sein; sie haben da so viele, daß man sie leicht verwechselt. Eine war im Juni, ‘ne andre war im Juli, – wer nich ein Bombengedächtnis hat, muß da notwendig reinfallen ... Engelke, präsentiere der gnäd’gen Frau den Fisch noch mal. Und vielleicht nimmt auch Herr von Czako ..." "Gewiß, Herr von Stechlin", sagte Czako. "Erstlich aus reiner Gourmandise, dann aber auch aus Forschertrieb  oder  Fortschrittsbedürfnis.  Man  will  doch  an  dem,  was  gerade  gilt  oder  überhaupt Menschheitsentwicklung bedeutet, auch seinerseits nach M"glichkeit teilnehmen, und da steht denn Fischnahrung jetzt obenan. Fische sollen außerdem viel Phosphor enthalten, und Phosphor, so heißt es, macht ›helle‹." "Gewiß",  kicherte  Frau  von  Gundermann,  die  sich  bei  dem  Wort  "helle"  wie  pers"nlich getroffen fühlte. "Phosphor war ja auch schon, eh’ die Schwedis chen aufkamen." "Oh, lange vorher", bestätigte Czako. "Was mich aber", fuhr er, sich an Dubslav wendend, fort, "an diesen Karpfen noch ganz besonders fesselt – beiläufig ein  Prachtexemplar –, das ist das, daß er doch h"chstwahrscheinlich aus Ihrem berühmten See stammt, über den ich durch Woldemar, Ihren Herrn  Sohn,  bereits  unterrichtet  bin.  Dieser  merkwürdige  See,  dieser  Stechlin!  Und  da  frag’  ich mich denn unwillkürlich (denn Karpfen werden alt; daher beispielsweise die Mooskarpfen), welche Revolutionen    sind    an    diesem    hervorragenden    Exemplar    seiner    Gattung    wohl    schon vorübergegangen? Ich weiß nicht, ob ich ihn auf hundertfünfzig Jahre taxieren darf; wenn aber, so würde  er  als  Jüngling  die  Lissaboner  Aktion  und  als  Urgreis  den  ne uerlichen  Ausbruch  des Krakatowa mitgemacht haben. Und all das erwogen, drängt sich mir die Frage auf ..." Dubslav lächelte zustimmend. "...  Und  all  das  erwogen,  drängt  sich  mir  die  Frage  auf,  wenn’s  nun  in  Ihrem  Stechlinsee  zu brodeln beginnt oder gar die große Trichterbildung anhebt, aus der dann und wann, wenn ich recht geh"rt  habe,  der  krähende  Hahn  aufsteigt,  wie  verhält  sich  da  der  Stechlinkarpfen,  dieser  doch offenbar Nächstbeteiligte, bei dem Anpochen derartiger Weltereignisse? Beneidet er den Hahn, dem es verg"nnt ist, in die Ruppiner Lande hineinzukrähen, oder ist er umgekehrt ein Feigling, der sich in seinem Moorgrund verkriecht, also ein Bourgeois, der am andern Morgen fragt: ›Schießen sie noch?‹" "Mein lieber Herr von Czako, die Beantwortung Ihrer Frage hat selbst  für einen Anwohner des Stechlin  seine  Schwierigkeiten.  Ins  Innere  der  Natur dringt kein erschaffener Geist. Und zu dem innerlichsten  und  verschlossensten  zählt  der  Karpfen;  er  ist  nämlich  sehr  dumm.  Aber  nach  der Wahrscheinlichkeitsrechnung  wird  er  sich  beim  Eintreten  der  großen  Eruption  wohl  verkrochen haben. Wir verkriechen uns nämlich alle. Heldentum ist Ausnahmezustand und meist Produkt einer Zwangslage. Sie brauchen mir übrigens nicht zuzustimmen, denn Sie sind noch im Dienst." "Bitte, bitte", sagte Czako. 13
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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