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Der Stechlin

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deshalb. Daß ich den Tunnel oder den Tower nicht gesehn, das k"nnt’ ich mir verzeihn. Aber das Leben drüben! Wenn irgendwo das vielzitierte Wort von dem ›in einem Tag mehr gewinnen, als in des  Jahres  Einerlei‹  hinpaßt,  so  da  drüben.  Alles  modern  und  zugleich  alles  alt,  eingewurzelt, stabilisiert. Es steht einzig da; mehr als irgendein andres Land ist es ein Produkt der Zivilisation, so sehr, daß die Neigungen der Menschen kaum noch dem Gesetze der Natur folgen, sondern nur noch dem einer verfeinerten Sitte." Die Domina fühlte sich von dem allem mehr und mehr unangenehm berührt, besonders als sie sah,  daß  Melusine  zu  dem,  was  Koseleger  ausführte,  beständig  zustimmend  nickte.  Schließlich wurd’  es  ihr  zuviel.  "Alles,  was  ich  da  so  h"re",  sagte  sie,  "kann  mich  für  dieses  Volk  nicht einnehmen, und weil sie rundum von Wasser umgeben sind, ist alles so kalt und feucht, und die Frauen, bis in die h"chsten Stände hinauf, sind beinah immer in einem Zustand, den ich hier nicht bei  Namen  nennen  mag.  So  wenigstens  hat  man  mir  erzählt.  Und  wenn  es  dann  neblig  ist,  dann kriegen sie das, was sie den Spleen nennen, und fallen zu Hunderten ins Wasser, und keiner weiß, wo sie geblieben sind. Denn, wie mir unser Rentmeister Fix, der drüben war, aufs Wort versichert hat,  sie  stehen  in  keinem  Buch  und  haben  auch  nicht  einmal  das,  was  wir  Einwohnermeldeamt nennen, so daß man beinah sagen kann, sie sind so gut wie gar nicht da. Und wie sie kochen und braten! Alles fast noch blutig, besonders das, was wir hier ›englische Beefsteaks‹ nennen. Und kann auch nicht anders sein, weil sie so viel mit Wilden umgehn und gar keine Gelegenheit haben, sich einer feineren Gesittung anzuschließen." Koseleger und Melusine wechselten verständnisvoll Blicke. Die Domina aber sah nichts davon und fuhr unentwegt fort: "Fix ist ein guter Beobachter, auch von Sittenzuständen und einer ihrer K"nige, worüber ich auch schon als Mädchen einen Aufsatz machen mußte, hat fünf Frauen gehabt, meist Hofdamen. Und eine hat er k"pfen lassen, und eine hat er wieder nach Hause geschickt. Und war noch dazu eine Deutsche. Und sie sollen auch keinen eigentlichen Adel mehr haben, weil mal ein   Krieg   war,   drin   sie   sich   umschichtig   enthaupteten,   und   als   alle   weg   waren,   haben   sie gew"hnliche Leute rangezogen und ihnen die alten Namen gegeben, und wenn man denkt, es ist ein Graf, so ist es ein Bäcker oder h"chstens ein Bierbrauer. Aber viel Geld sollen sie haben, und ihre Schiffe  sollen  gut  sein  und  dauerhaft  und  auch  sehr  sauber,  fast  schon  wie  holländisch;  aber  in ihrem Glauben sind sie zersplittert und fangen auch schon wieder an, katholis ch zu werden." Der  alte  Dubslav,  als  die  Schwester  mit  ihrem  Vortrag  über  England  einsetzte,  hatte  sich  mit einem  "Schicksal,  nimm  deinen  Lauf"  sofort  resigniert.  Woldemar  aber  war  immer  wieder  und wieder bemüht gewesen, einen Themawechsel eintreten zu lassen, worin er vielleicht auch reüssiert hätte,   wenn   nicht   Koseleger   gewesen   wäre.   Dieser   –   entweder   weil   er   als   ästhetischer Feinschmecker an Adelheids Auslassungen ein aufrichtiges Gefallen fand, oder aber weil er die von ihm  selbst  angeregte  Frage  hinsichtlich  "Natur  und  Sitte"  (die  sein   Steckenpferd  war)  gern weiterspinnen  wollte  –  hielt  an  England  fest  und  sagte:  "Die  Frau  Domina  scheint  mir  davon auszugehn, daß gerade der mitunter schon an die Wilden grenzende Naturmensch drüben in vollster Blüte steht. Und ich will das auch nicht in jedem Punkte bestreiten. Aber daneben begegnen wir einem  Lebens-  und  Gesellschaftsraffinement,  das  ich,  trotz  manchem  Anfechtbaren,  als  einen h"chsten  Kulturausdruck  bezeichnen  muß.  Ich  erinnere  mich  unter  anderm  eines  gerade  damals geführten Prozesses, über den ich, als ich im Haag lebte, meiner kaiserlichen Hoheit täglich Bericht erstatten mußte (High life-Prozesse gingen ihr über alles), und der Gegenstand, um den sich’s dabei handelte,  war  so  recht  der  Ausdruck  eines  verfeinerten  oder  meinetwegen  auch  überfeinerten Kulturlebens. So recht das Gegenteil von bloßem Naturburschentum. Es ist freilich eine ziemlich lange Geschichte ..." "Schade", sagte Dubslav. "Aber trotzdem, – wenn überhaupt erzählbar ..." "O gewiß, gewiß; das denkbar Harmloseste ..." "Nun denn, lieber Superintendent, wenn wirklich so harmlos, so mach’ ich mich ohne weiteres zum Anwalt unsrer gewiß neugierigen Damen, meine Schwester, die Domina, mit eingeschlossen. Wie war es? Wie verlief die Geschichte, für die sich eine kaiserliche Hoheit so lebhaft interessieren konnte?" 131
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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