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VERWEILE DOCH, TOD, BEGRÄBNIS, NEUE TAGE Vierzigstes Kapitel Agnes, während oben die gereizte Szene zwischen Bruder und Schwester spielte, war unten in der Küche bei Mamsell Pritzbur und erzählte von Berlin, wo sie vorigen Sommer bei ihrer Mutter auf Besuch gewesen war. "Eins war da", sagte sie, "das hieß das Aquarium. Da lag eine Schlange, die war so dick wien Bein." "Aber hast du denn schon Beine gesehn?" fragte die Pritzbur. "Aber, Mamsell Pritzbur, ich werde doch wohl schon Beine gesehn haben ... Und dann, an einem andern Tag, da waren wir in einem Tiergarten, aber in einem richtigen, mit allerlei Tieren drin. Und den nennen sie den Zoologischen." "Ja, davon hab ich auch schon geh"rt." "Und in dem Zoologischen, da war ein ganz kleiner See, noch viel kleiner als unser Stechlin, und in dem See standen allerlei V"gel. Und einer, ganz wien Storch, stand auf einem Bein." Als die Mädchen das Wort "Storch" h"rten, kamen sie näher heran. "Aber die Beine von dem Vogel, oder es waren wohl mehrere V"gel, die waren viel gr"ßer als Storchenbeine und auch viel dicker und viel r"ter." "Und taten sie dir nichts?" "Nein, sie taten mir nichts. Bloß, wenn sie so ne Weile gestanden hatten, dann stellten sie sich auf das andre Bein. Und ich sagte zu Mutter: Mutter, komm; der eine sieht mich immer so an. Und da gingen wir an eine andere Stelle, wo der Bär war." Das Kind erzählte noch allerlei. Die Mädchen und auch die Mamsell freuten sich über Agnes, und sie trug ihnen ein paar Lieder vor, die ihre Mutter, die Karline, immer sang, wenn sie plättete, und sie tanzte auch, während sie sang, wobei sie das himmelblaue Kleid zierlich in die H"he nahm, ganz so, wie sies in der Hasenheide gesehn hatte. So kam der Nachmittag heran, und als es schon dunkelte, sagte Engelke: "Ja, gnädger Herr, wie is das nu mit Agnessen? Sie is immer noch bei Mamsell Pritzbur unten, un die Mädchens, wenn sie so singt und tanzt, kucken ihr zu. Sie wird woll auch so was wie die Karline. Soll sie wieder nach Haus, oder soll sie hier bleiben?" "Natürlich soll sie hier bleiben. Ich freue mich, wenn ich das Kind sehe. Du hast ja ein gutes Gesicht, Engelke, aber ich will doch auch mal was andres sehn als dich. Wie das lütte Balg da so saß, so steif wie ne Prinzeß, hab ich immer hingekuckt und ihr wohl ne Viertelstunde zugesehn, wie da die Stricknadeln immer so hin und her gingen und der rote Strumpf neben ihr baumelte. So was Hübsches hab ich nicht mehr gesehn, seit zu Weihnachten die Grafschen hier waren, die blasse Komtesse und die Gräfin. Hat sie dir auch gefallen?" Engelke griente. "Na, ich sehe schon. Also Agnes bleibt. Und sie kann ja auch nachts mal aufstehn und mir eine Tasse von dem Tee bringen, oder was ich sonst grade brauche, und du alte Seele kannst ausschlafen. Ach, Engelke, das Leben is doch eigentlich schwer. Das heißt, wenns auf die Neige geht; vorher is es soweit ganz gut. Weißt du noch, wenn wir von Brandenburg nach Berlin ritten? In Brandenburg war nich viel los; aber in Berlin, da ging es." "Ja, gnädger Herr. Aber nu kommt es." "Ja, nu kommt es. Nu is Katzenpf"tchen dran. So was gab es damals noch gar nicht. Aber ich will nichts sagen, sonst wird die Buschen ärgerlich, und mit alten Weibern muß man gut stehn; das is noch wichtiger als mit jungen. Und, wie gesagt, die Agnes bleibt. Ich sehe so gern was Zierliches. Es is ein reizendes Kind." 183 |  |
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