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Der Stechlin

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war  nichts  weiter  als  ein  einfaches  Corps  de  logis,  dessen  zwei  vorspringende,  bis  dicht  an  den Graben reichende Seitenflügel ein Hufeisen und innerhalb desselben einen kahlen Vorhof bildeten, auf dem, als einziges Schmuckstück, eine große blanke Glaskugel sich präsentierte. Sonst sah man nichts   als   eine   vor   dem   Hause   sich   hinziehende   Rampe,   von   deren   dem   Hofe   zugekehrter Vorderwand der Kalk schon wieder abfiel. Gleichzeitig war aber doch ein Bestreben unverkennbar, gerade  diese  Rampe  zu  was  Besonderem  zu  machen,  und  zwar  mit  Hilfe  mehrerer  Kübel  mit exotischen Blattpflanzen, darunter zwei Aloes, von denen die eine noch gut im Stande, die andre dagegen  krank  war.  Aber  gerade  diese  Kranke  war  der  Liebling  des  Schloßherrn,  weil  sie  jeden Sommer in einer ihr freilich nicht zukommenden Blüte stand. Und das hing so zusammen. Aus dem sumpfigen Schloßgraben hatte der Wind vor langer Zeit ein fremdes Samenkorn in den Kübel der kranken Aloe geweht, und alljährlich schossen infolge davon aus der Mitte der schon angegelbten Aloeblätter die weiß und roten Dolden des Wasserliesch oder des Butomus umbellatus auf. Jeder Fremde,   der   kam,   wenn   er   nicht   zufällig   ein  Kenner  war,  nahm  diese  Dolden  für  richtige Aloeblüten, und der Schloßherr hütete sich wohl, diesen Glauben, der eine Quelle der Erheiterung für ihn war, zu zerst"ren. Und  wie  denn  alles  hier  herum  den  Namen  Stechlin  führte,  so  natürlich  auch  der  Schloßherr selbst. Auch er war ein Stechlin. Dubslav von Stechlin, Major a.D. und schon ein gut Stück über Sechzig hinaus, war der Typus eines Märkischen von Adel, aber von der milderen Observanz, eines jener erquicklichen Originale, bei denen sich selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln. Er hatte noch ganz das eigentümlich sympathisch berührende Selbstgefühl all derer, die "schon vor den Hohenzollern da waren", aber er hegte dieses Selbstgefühl nur ganz im stillen, und wenn es dennoch zum Ausdruck kam, so kleidete sich’s in Humor, auch wohl in Selbstironie, weil er seinem ganzen Wesen nach überhaupt hinter alles  ein  Fragezeichen  machte.  Sein  sch"nster  Zug  war  eine  tiefe,  so  recht  aus  dem  Herzen kommende Humanität, und Dünkel und Überheblichkeit (während er sonst eine Neigung hatte, fünf gerade sein zu lassen) waren so ziemlich die einzigen Dinge, die ihn emp"rten. Er h"rte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser. Daß sich diese Meinung mit der seinigen deckte, lag ihm fern zu wünschen. Beinah das Gegenteil. Paradoxen waren seine Passion. "Ich bin nicht  klug  genug,  selber  welche  zu  machen,  aber  ich freue mich, wenn’s andere tun; es ist doch immer was drin. Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig." Er ließ sich gern was vorplaudern und plaude rte selber gern. Des alten Schloßherrn Lebensgang war märkisch-herk"mmlich gewesen. Von jung an lieber im Sattel   als   bei   den   Büchern,   war   er   erst   nach   zweimaliger   Scheiterung   siegreich   durch   das Fähnrichsexamen gesteuert und gleich danach bei den brandenburgischen Kürassieren eingetreten, bei  denen  selbstverständlich  auch  schon  sein  Vater  gestanden  hatte.  Dieser  sein  Eintritt  ins Regiment fiel so ziemlich mit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. zusammen, und wenn er  dessen  erwähnte,  so  hob  er,  sich  selbst  persiflierend,  gerne  hervor,  "daß  alles  Große  seine Begleiterscheinungen habe". Seine Jahre bei den Kürassieren waren im wesentlichen Friedensjahre gewesen; nur Anno vierundsechzig war er mit in Schleswig, aber auch hier, ohne zur "Aktion" zu kommen. "Es kommt für einen Märkischen nur darauf an, überhaupt mit dabei gewesen zu sein; das andre steht in Gottes Hand." Und er schmunzelte, wenn er dergleichen sagte, seine H"rer jedesmal in Zweifel darüber lassend, ob er’s ernsthaft oder scherzhaft gemeint habe. Wenig mehr als ein Jahr vor Ausbruch des vierundsechziger Kriegs war ihm ein Sohn geboren worden, und kaum wieder in seine Garnison Brandenburg eingerückt, nahm er den Abschied, um sich auf sein seit dem Tode des Vaters halb ver"detes Schloß Stechlin zurückzuziehen. Hier warteten seiner glückliche Tage, seine glücklichsten, aber sie waren von kurzer Dauer – schon das Jahr darauf starb ihm die Frau. Sich eine neue zu nehmen, widerstand ihm, halb aus Ordnungssinn und halb aus ästhetischer Rücksicht. "Wir glauben doch alle mehr oder weniger an eine Auferstehung" (das heißt, er pers"nlich glaubte eigentlich nicht daran), "und wenn ich dann oben ankomme mit einer rechts und einer links, so is das doch immer eine genierliche Sache." Diese Worte – wie denn der Eltern Tun nur allzu häufig der  Mißbilligung  der  Kinder  begegnet  –  richteten  sich  in  Wirklichkeit  gegen  seinen  dreimal verheiratet gewesenen Vater, an dem er überhaupt allerlei Großes und Kleines auszusetzen hatte, so 4
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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