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Der Stechlin

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alles Charakter oder, wenn das zuviel gesagt sein sollte, Schlichtheit, Festigkeit. Es bleibt mit den Namen doch eine eigene Sache; die Gräfin ist ganz Melusine und die Komtesse ganz Armgard. Ich habe bis jetzt freilich nur eine dieses Namens kennengelernt, noch dazu bloß als Bühnenfigur, und ich mußte beständig an diese denken, wie sie da (ich glaube, es war Fräulein Stolberg, die ja auch das Maß hat) dem Landvogt so mutig in den Zügel  fällt. Ganz so wirkt Komtesse Armgard! Ich m"chte beinah sagen, es läßt sich an ihr wahrnehmen, daß ihre Mutter eine richtige Schweizerin war. Und dazu der alte Graf! Wie ein Zwillingsbruder von Papa; derselbe Bismarckkopf, dasselbe humane Wesen, dieselbe Freundlichkeit, dieselbe gute Laune. Papa ist aber ausgiebiger und auch wohl   origineller.   Vielleicht   hat   der   verschiedene   Lebensgang   diese   Verschiedenheiten   erst geschaffen. Papa sitzt nun seit richtigen dreißig Jahren in seinem Ruppiner Winkel fest, der Graf war ebensolange draußen! Ein Botschaftsrat ist eben was anderes als ein Ritterschaftsrat, und an der Themse wächst man sich anders aus als am ›Stechlin‹ – unsern Stechlin dabei natürlich in Ehren. Trotzdem,  die  Verwandtschaft  bleibt.  Und  der  alte  Diener,  den  sie  Jeserich  nennen,  der  ist  nun schon ganz und gar unser Engelke vom Kopf bis zur Zeh. Aber was am verwandtesten ist, das ist doch die gesamte Hausatmosphäre, das Liberale. Papa selbst würde zwar darüber lachen – er lacht über nichts so sehr wie über Liberalismus –, und doch kenne ich keinen Menschen, der innerlich so frei  wäre  wie  gerade  mein  guter  Alter.  Zugeben  wird  er’s  freilich  nie  und  wird  in  dem  Glauben sterben: ›Morgen tragen sie einen echten alten Junker zu Grabe.‹ Das ist er auch, aber doch auch wieder das volle Gegenteil davon. Er hat keine Spur von Selbstsucht. Und  diesen sch"nen Zug (ach, so selten), den hat auch der alte Graf. Nebenher freilich ist er Weltmann, und das gibt dann den Unterschied und das Übergewicht. Er weiß – was sie hierzulande nicht wissen oder nicht wissen wollen –, daß hinterm Berge auch noch Leute wohnen. Und mitunter noch ganz andre." Das waren die Worte, die Woldemar in sein Tagebuch eintrug. Von allem, was er gesehen, war er angenehm berührt worden, auch von Haus und Wohnung. Und dazu war guter Grund da, mehr als er nach seinem ersten Besuche wissen konnte. Das von der gräflichen Familie bewohnte Haus mit seinen Loggien und seinem diminutiven Hof und Garten teilte sich in zwei Hälften, von denen jede  noch  wieder  ihre  besondern  Annexe  hatte.  Zu  der  Beletage  geh"rte  das  zur  Seite  gelegene pittoreske Hof- und Stallgebäude, drin der gräfliche Kutscher, Herr Imme, residierte, während zu dem  die  zweite  Hälfte  des  Hauses  bildenden  Hochparterre  ziemlich  selbstverständlich  noch  das kleine  niedrige  Souterrain  gerechnet  wurde,  drin,  außer  Portier  Hartwig  selbst  dessen  Frau,  sein Sohn Rudolf und seine Nichte Hedwig wohnten. Letztere freilich nur zeitweilig, und zwar immer nur  dann,  wenn  sie,  was  allerdings  ziemlich  häufig  vorkam,  mal  wieder  ohne  Stellung  war.  Die Wirtin  des  Hauses,  Frau  Hagelversicherungssekretär  Schickedanz,  hätte  diesen  gelegentlichen Aufenthalt der Nichte Hartwigs eigentlich beanstanden müssen, ließ es aber gehen, weil Hedwig ein heiteres, quickes und sehr anstelliges Ding war und manches besaß, was die Schickedanz mit der Ungeh"rigkeit des ewigen Dienstwechsels wieder auss"hnte. Die Schickedanz, eine Frau von sechzig, war schon verwitwet, als im Herbst fünfundachtzig die Barbys einzogen, Komtesse Armgard damals erst zehnjährig. Frau Schickedanz selbst war um jene Zeit   noch   in   Trauer,   weil   ihr   Gatte,   der   Versicherungssekretär,   erst   im   Dezember   des voraufgegangenen Jahres gestorben war, "drei Tage vor Weihnachten", ein Umstand, auf den der Hilfsprediger, ein junger Kandidat, in seiner Leichenrede beständig hingewiesen und die gewollte Wirkung  auch  richtig  erzielt  hatte.  Allerdings  nur  bei  der  Schickedanz  sel bst  und  einigermaßen auch  bei  der  Frau  Hartwig,  die  während  der  ganzen  Rede  beständig  mit  dem  Kopf  genickt  und nachträglich  ihrem  Manne  bemerkt  hatte:  "Ja  Hartwig,  da  liegt  doch  was  drin."  Hartwig  selber indes, der, im Gegensatz zu den meisten seines Standbildes, humoristisch angeflogen war, hatte für die  merkwürdige  Fügung  von  "drei  Tage  vor  Weihnachten"  nicht  das  geringste  Verständnis gezeigt, vielmehr nur die Bemerkung dafür gehabt: "Ich weiß nicht, Mutter, was du dir eigentlich dabei denkst? Ein Tag ist wie der andre; mal muß man ran" – worauf die Frau jedoch geantwortet hatte: "Ja Hartwig, das sagst du so immer; aber wenn du dran bist, dann redst du anders." Der verstorbene Schickedanz hatte, wie der Tod ihn ankam, ein Leben hinter sich, das sich in zwei sehr verschiedene Hälften, in eine ganz  kleine unbedeutende und in eine ganz große, teilte. Die   unbedeutende   Hälfte   hatte   lange   gedauert,   die   große   nur   ganz   kurz.   Er   war   ein 59
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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