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Der Stechlin

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Ziegelstreichersohn aus dem bei Potsdam gelegenen Dorfe Kaputt, was er, als er aus dem diesem Dorfnamen entsprechenden Zustande heraus war, in Gesellschaft guter Freunde gern hervorhob. Es war so ziemlich der einzige Witz seines Lebens, an dem er aber zäh festhielt, weil er sah, daß er immer wieder wirkte. Manche gingen so weit, ihm den Witz auch noch moralisch gutzuschreiben, und behaupteten: Schickedanz sei nicht bloß ein Charakter, sondern au ch eine bescheidene Natur. Ob  dies  zutraf,  wer  will  es  sagen!  Aber  das  war  sicher,  daß  er  sich  von  Anfang  an  als  ein aufgeweckter  Junge  gezeigt  hatte.  Schon  mit  sechzehn  war  er  als  Hilfsschreiber  in  die  deutsch- englische  Hagelversicherungsgesellschaft  Pluvius  eingetreten  und  hatte  mit  sechsundsechzig  sein fünfzigjähriges  Dienstjubiläum  in  eben  dieser  Gesellschaft  gefeiert.  Das  war  aus  bestimmten Gründen  ein  großer  Tag  gewesen.  Denn  als  Schickedanz  ihn  erlebte,  hieß  er  nur  noch  so  ganz obenhin   "Herr   Versicherungssekretär",   war   aber   in   Wahrheit   über   diesen   seinen   Titel   weit hinausgewachsen und besaß bereits das sch"ne Haus am Kronprinzenufer. Er hatte sich das leisten k"nnen,  weil  er  im  Laufe  der  letzten  fünf  Jahre  zweimal  hintereinander  ein  Viertel  vom  großen Lose gewonnen hatte. Dies sah er sich allerseits als pers"nliches Verdienst angerechnet, und auch wohl mit Recht. Denn arbeiten kann jeder, das große Los gewinnen kann nicht jeder. Und so blieb er denn bei der Versicherungsgesellschaft lediglich nur noch als verhätscheltes Zierstück, weil es damals wie jetzt einen guten Eindruck machte, Personen der Art im Dienst oder gar als Teilnehmer zu  haben.  An  der  Spitze  muß  immer  ein  Fürst  stehen.  Und  Schickedanz  war  jetzt  Fürst.  Alles drängte sich nicht bloß an ihn, sondern seine Stammtischfreunde, die zu seiner zweimal bewährten Glückshand ein unbedingtes Vertrauen hatten, drangen sogar eine Zeitlang in ihn, die Lotterielose für  sie  zu  ziehen.  Aber  keiner  gewann,  was  schließlich  einen  Umschlag  schuf  und  einzelne  von "b"sem Blick" und sogar ganz unsinnigerweise von Mogelei sprechen ließ. Die meisten indessen hielten  es  für  klug,  ihr  Übelwollen  zurückzuhalten;  war  er  doch  immerhin  ein  Mann,  der  jedem, wenn  er  wollte,  Deckung  und  Stütze  geben  konnte.  Ja,  Schickedanz’  Glück  und  Ansehen  waren groß, am gr"ßten natürlich an seinem Jubiläumstage. Nicht zu glauben, wer da alles kam. Nur ein Orden kam nicht, was denn auch von einigen Schickedanzfanatikern sehr mißliebig bemerkt wurde. Besonders schmerzlich empfand es die Frau. "Gott, er hat doch immer so treu gewählt", sagte sie. Sie kam aber nicht in die Lage, sich in diesen Schmerz einzuleben, da schon die nächsten Zeiten bestimmt waren, ihr Schwereres zu bringen. Am 21. September war das Jubiläum gewesen, am 21. Oktober  erkrankte  er,  am  21.  Dezember  starb  er.  Auf  dem  Notizenzettel,  den  man  damals  dem Kandidaten zugestellt hatte, hatte dieser dreimal wiederkehrende "Einundzwanzigste" gefehlt, was alles in allem wohl als ein Glück angesehen werden konnte, weil, entgegengesetztenfalls, die "drei Tage  vor  Weihnachten"  entweder  gar  nicht  zustande  gekommen  oder  aber  durch  eine  geteilte Herrschaft in ihrer Wirkung abgeschwächt worden wären. Schickedanz war bei voller Besinnung gestorben. Er rief, kurz vor seinem Ende, seine Frau an sein Bett und sagte: "Riekchen, sei ruhig. Jeder muß. Ein Testament hab’ ich nicht gemacht. Es gibt doch bloß immer Zank und Streit. Auf meinem Schreibtisch liegt ein Briefbogen, drauf hab’ ich alles N"tige geschrieben. Viel wichtiger ist mir das mit dem Haus. Du mußt es behalten, damit die Leute sagen k"nnen: ›Da wohnt Frau Schickedanz.‹ Hausname, Straßenname, das ist überhaupt das Beste. Straßenname dauert noch länger als Denkmal." "Gott,  Schickedanz,  sprich  nicht  so  viel;  es  strengt  dich  an.  Ich  will  es  ja  alles  heilig  halten, schon aus Liebe ..." "Das ist recht, Riekchen. Ja, du warst immer eine gute Frau, wenn wir auch keine Nachfolge gehabt  haben.  Aber  darum  bitte  ich  dich,  vergiß  nie,  daß  es  meine  Puppe  war.  Du  darfst  bloß vornehme  Leute  nehmen;  reiche  Leute,  die  bloß  reich  sind,  nimm  nicht;  die  quengeln  bloß  und schlagen große Haken in die Türfüllung und hängen eine Schaukel dran. Überhaupt, wenn es sein kann, keine Kinder. Hartwigen unten mußt du behalten; er ist eigentlich ein Klugschmus, aber die Frau ist gut. Und der kleine Rudolf, mein Patenkind, wenn er ein Jahr alt wird, soll er hundert Taler kriegen. Taler, nicht Mark. Und der Schullehrer in Kaputt soll auch hundert Taler kriegen. Der wird sich wundern. Aber darauf freu’ ich mich schon. Und auf dem Invalidenkirchhof will ich begraben sein, wenn es irgend geht. Invalide ist ja doch eigentlich jeder. Und Anno siebzig war ich doch auch mit Liebesgaben bis dicht an den Feind, trotzdem Luchterhand immer sagte: ›Nicht so nah ran.‹ Sei 60
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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