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Der Stechlin

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"Gott sei Dank, nein. Und Wrschowitz ist auch kein Medizindoktor, sondern ein Musikdoktor. Sie  haben  von  ihm  rein  zufällig  noch  nicht  geh"rt,  weil  erst  vorige  Woche,  nach  einer  langen, langen Pause, die Musikstunden wieder aufgenommen wurden. Er ist aber schon seit Jahr und Tag Armgards Lehrer." "Musikdoktor? Gibt es denn die?" "Lieber  Stechlin,  es  gibt  alles.  Also  natürlich  auch  das.  Und  sosehr  ich  im  ganzen  gegen  die Doktorhascherei bin, so liegt es hier doch so, daß ich dem armen Wrschowitz seinen Musikdoktor g"nnen oder doch mindestens verzeihen muß. Er hat den Titel auch noch nicht lange." "Das klingt ja fast wie ‘ne Geschichte." "Trifft auch zu. K"nnen Sie sich denken, daß  Wrschowitz aus einer Art Verzweiflung Doktor geworden ist?" "Kaum. Und wenn kein Geheimnis ..." "Durchaus  nicht,  nur  ein  Kuriosum.  Wrschowitz  hieß  nämlich  bis  vor  zwei  Jahren,  wo  er  als Klavierlehrer, aber als ein h"herer (denn er hat auch eine Oper komponiert), in unser Haus kam, einfach Niels Wrschowitz, und er ist bloß Doktor geworden, um den Niels auf seiner Visitenkarte loszuwerden." "Und das ist ihm auch geglückt?" "Ich  glaube  ja,  wiewohl  es  immer  noch  vorkommt,  daß  ihn  einzelne  ganz  wie  früher  Niels nennen, entweder aus Zufall oder auch wohl aus Schändlichkeit. In let zterem Falle sind es immer Kollegen. Denn die Musiker sind die boshaftesten Menschen. Meist denkt man, die Prediger und die Schauspieler seien die schlimmsten. Aber weit gefehlt. Die Musiker sind ihnen über. Und ganz besonders schlimm sind die, die die sogenannte heilige Musik machen." "Ich habe dergleichen auch schon geh"rt", sagte Woldemar. "Aber was ist das nur mit Niels? Niels ist doch an und für sich ein hübscher und ganz harmloser Name. Nichts Anzügliches drin." "Gewiß nicht. Aber Wrschowitz und Niels! Er litt, glaub’ ich, unter diesem Gegensatz." Woldemar lachte. "Das kenn’ ich. Das kenn’ ich von meinem Vater her, der Dubslav heißt, was ihm auch immer h"chst unbequem war. Und da reichen wohl nicht hundertmal, daß ich ihn wegen dieses Namens seinen Vater habe verklagen h"ren." "Genauso  hier",  fuhr  der  Graf  in  seiner  Erzählung  fort.  "Wrschowitz’  Vater,  ein  kleiner Kapellmeister an der tschechisch-polnischen Grenze, war ein Niels-Gade-Schwärmer, woraufhin er seinen  Jungen  einfach  Niels  taufte.  Das  war  nun  wegen  des  Kontrastes  schon  gerade  bedenklich genug. Aber das eigentlich Bedenkliche kam doch erst, als der allmählich ein scharfer Wagnerianer werdende Wrschowitz sich zum direkten Niels-Gade-Verächter ausbildete. Niels Gade war ihm der Inbegriff  alles  Trivialen  und  Unbedeutenden,  und  dazu  kam  noch,  wie  Amen  in  der  Kirche,  daß unser junger Freund, wenn er als ›Niels Wrschowitz‹ vorgestellt wurde, mit einer Art Sicherheit der Phrase begegnete: ›Niels? Ah, Niels. Ein sch"ner Name innerhalb unsrer musikalischen Welt. Und hoch erfreulich, ihn hier zum zweiten Male vertreten zu sehen.‹ All das konnte der arme Kerl auf die Dauer nicht aushalten, und so kam er auf den Gedanken, den Vornamen auf seiner Karte durch einen Doktortitel wegzueskamotieren." Woldemar nickte. "Jedenfalls, lieber Stechlin, sehen Sie daraus zur Genüge, daß  unser Wrschowitz, als richtiger Künstler, in die Gruppe gens irritabilis geh"rt, und wenn Armgard ihn vielleicht aufgefordert haben sollte, zum Tee zu bleiben, so bitt’ ich Sie herzlich, dieser Reizbarkeit eingedenk zu sein. Wenn irgend m"glich, vermeiden Sie Beziehungen auf die ganze skandinavische Welt, besonders aber auf Dänemark direkt. Er wittert überall Verrat. Übrigens, wenn man auf seiner Hut ist, ist er ein feiner und gebildeter Mann. Ich hab’ ihn eigentlich gern, weil er anders ist  wie andre." Der  alte  Graf  behielt  recht  mit  seiner  Vermutung:  Armgard  hatte  den  Doktor  Wrschowitz aufgefordert zu bleiben, und als bald danach Jeserich eintrat, um den Grafen und Woldemar zum Tee  zu  bitten,  fanden  diese  beim  Eintritt  in  das  Mittelzimmer  nicht  nur  Armgard,  sondern  auch Wrschowitz  vor,  der,  die  Finger  ineinandergefaltet,  mitten  in  dem  Salon  stand  und  die  an  der Büfettwand   hängenden   Bilder   mit   jenem   eigentümlichen   Mischausdruck   von   aufrichtigem Gelangweiltsein  und  erkünsteltem  Interesse  musterte.  Der  Rittmeister  hatte  dem  Grafen  wieder 64
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Mit Vertrag über die abschließen...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsges...
Wettbewerbsrecht, Markenrecht und Kartellrecht
 
   
 
     
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