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Der Stechlin

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seinen  Arm  geboten;  Armgard  ging  auf  Woldemar  zu  und  sprach  ihm  ihre  Freude  aus,  daß  er gekommen;  auch  Melusine  werde  gewiß  bald  da  sein;  sie  habe  noch  zuletzt  gesagt:  "Du  sollst sehen, heute kommt Stechlin." Danach wandte sich die junge Komtesse wieder Wrschowitz zu, der sich  eben  in  das  von  Hubert  Herkomer  gemalte  Bild  der  verstorbenen  Gräfin  vertieft  zu  haben schien,   und   sagte,   gegenseitig   vorstellend:   "Doktor   Wrschowitz,   Rittmeister   von   Stechlin." Woldemar, seiner lnstruktion eingedenk, verbeugte sich sehr artig, während Wrschowitz, ziemlich ablehnend, seinem Gesicht den stolzen Doppelausdruck von Künstler und Hussiten gab. Der  alte  Graf  hatte  mittlerweile  Platz  genommen,  entschuldigte  sich,  mit  der  unglücklichen Stellage beschwerlich fallen zu müssen, und bat die beiden Herren, sich neben ihm niederzulassen, während Armgard, dem Vater gegenüber, an der andern Schmalseite des Tisches saß. Der alte Graf nahm  seine  Tasse  Tee,  schob  den  Cognak,  "des  Tees  beßren  Teil",  mit  einem  humoristischen Seufzer beiseite und sagte, während er sich links zu Wrschowitz wandte: "Wenn ich recht geh"rt habe – so ein bißchen von musikalischem Ohr ist mir geblieben –, so war es Chopin, was Armgard zu Beginn der Stunde spielte ..." Wrschowitz verneigte sich. "Chopin, für den ich eine Vorliebe habe, wie für alle Polen, vorausgesetzt, daß sie Musikanten oder Dichter oder auch Wissenschaftsmenschen sind. Als Politiker kann ich mich mit ihnen nicht befreunden. Aber vielleicht nur deshalb nicht, weil ich Deutscher und sogar Preuße bin." "Sehr warr, sehr warr", sagte Wrschowitz, mehr gesinnungstüchtig als artig. "Ich darf sagen, daß ich für polnische Musiker, von meinen frühesten Leutnantstagen an, eine schwärmerische  Vorliebe  gehabt  habe.  Da  gab  es  unter  anderm  eine  Polonaise  von  Oginski,  die damals  so  regelmäßig  und  mit  so  viel  Passion  gespielt  wurde  wie  später  der  ›Erlk"nig‹  oder  die ›Glocken von Speier‹. Es war auch die Zeit vom ›Alten Feldherrn‹ und von ‹ Denkst du daran, mein tapferer Lagienka‹." "Jawohl, Herr Graff, eine schlechte Zeit. Und warr mir immerdarr eine besondere Lust zu sehen, wie das Sentimentalle wieder fällt. Immer merr, immer merr. Ich hasse das Sentimentalle de tout mon cœur." "Worin ich", sagte Woldemar, "Herrn Doktor Wrschowitz durchaus zustimme. Wir haben in der Poesie ge- nau  dasselbe.  Da  gab  es  auch  dergleichen,  und  ich  bekenne,  daß  ich  al s  Knabe  für  solche Sentimentalitäten geschwärmt habe. Meine besondere Schwärmerei war ›K"nig Renés Tochter‹ von Henrik Hertz, einem jungen Kopenhagener, wenn ich nicht irre ..." Wrschowitz   verfärbte   sich,   was   Woldemar,   als   er   es   wahrnahm,   zu   sofortigem   raschem Einlenken  bestimmte.  "...  ›K"nig  Renés  Tochter‹,  ein  lyrisches  Drama.  Aber  schon  seit  lange wieder vergessen. Wir stehen jetzt im Zeichen von Tolstoj und der ›Kreutzersonate‹." "Sehr  warr,  sehr  warr",  sagte  der  rasch  wieder  beruhigte  Wrschowitz  und  nahm  nur  noch Veranlassung, energisch gegen die Mischung von Kunst und Sektierertum zu protestieren. Woldemar, großer Tolstojschwärmer, wollte für den russischen Grafen eine Lanze brechen, aber Armgard,   die,   wenn   derartige   Themata   berührt   wurden,   der   Salonfähigkeit   ihres   Freundes Wrschowitz  arg  mißtraute,  war  sofort  aufrichtig  bemüht,  das  Gespräch  auf  harmlosere  Gebiete hinüberzuspielen.  Als  ein  solches  friedeverheißendes  Gebiet  erschien  ihr  in  diesem  Augenblicke ganz eminent die Grafschaft Ruppin, aus deren abgelegenster Nordostecke Woldemar eben wieder eingetroffen war, und so sprach sie denn gegen diesen den Wunsch aus, ihn über seinen jüngsten Ausflug  einen  kurzen  Bericht  erstatten  zu  sehen.  "Ich  weiß  wohl,  daß  ich  meiner  Schwester Melusine (die voll Neugier und Verlangen ist, auch davon zu h"ren) einen schlechten Dienst damit leiste; Herr von Stechlin wird es aber nicht verschmähen, wenn meine Schwester erst wieder da ist, darauf zurückzukommen. Es braucht ja, wenn man plaudert, nicht alles absolut neu zu sein. Man darf sich wiederholen. Papa hat auch einzelnes, das er "fter erzäh lt." "Einzelnes?" lachte der alte Graf, "meine Tochter Armgard meint ›vieles‹." "Nein, Papa, ich meine einzelnes. Da gibt es denn doch ganz andre, zum Beispiel unser guter Baron. Und die Baronin sieht auch immer weg, wenn er anfängt. Aber lassen wir den Baron und 65
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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