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Der Stechlin

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in  Gruppen  auf  dem  Triangelplatz  umher  und  unterhielten  sich  lachend  über  die  Wahlreden,  die während der letzten Tage teils in Rheinsberg und Wutz, teils auf dem platten Lande von Rednern der gegnerischen Parteien gehalten worden waren. Einer der mit unter den Bäumen Stehenden, ein Intimus   Torgelows,   war   der   Drechslergeselle   S"derkopp,   der   sich   schon   lediglich   in   seiner Eigenschaft als Drechslergeselle eines großen Ansehens erfreute. Jede r dachte: der kann auch noch mal Bebel werden. "Warum nicht? Bebel is alt, und dann haben wir den." Aber S"derkopp verstand es auch wirklich, die Leute zu packen. Am schärfsten ging er gegen Gundermann vor. "Ja, dieser Gundermann, den kenn’ ich. Brettschneider und B"rsenfilou; jeder Groschen is zusammengejobbert.  Sieben  Mühlen  hat  er,  aber  bloß  zwei  Redensarten,  und  der  Fortschritt  ist abwechselnd   die   ›Vorfrucht‹   und   dann   wieder   der   ›Vater‹   der   Sozialdemokratie.   Vielleicht stammen wir auch noch von Gundermann ab. So einer bringt alles fertig." Uncke, während S"derkopp so sprach, war von Baum zu Baum immer näher gerückt und machte seine Notizen. In weiterer Entfernung stand Pyterke, schmunzelnd und sichtlich verwundert, was Uncke wieder alles aufzuschreiben habe. Pyterkes Verwunderung über das "Aufschreiben" war nur zu berechtigt, aber sie wär’ es um ein gut    Teil    weniger    gewesen,    wenn    sich    Unckes    aufhorchender    Diensteifer    sta tt    dem Sozialdemokraten S"derkopp lieber dem Gespräch einer nebenstehenden Gruppe zugewandt hätte. Hier plauderten nämlich mehrere "Staatserhaltende" von dem mutmaßlichen Ausgange der Wahl und daß es mit dem Siege des alten Stechlin von Minute zu Minute schlechter stünde. Besonders die Rheinsberger schienen den Ausschlag zu seinen Ungunsten geben zu sol len. "Hole der Teufel das ganze Rheinsberg!" verschwor sich ein alter Herr von Kraatz, dessen roter Kopf,  während  er  so  sprach,  immer  r"ter  wurde.  "Dies  elende  Nest!  Wir  bringen  ihn  wahr  und wahrhaftig nicht durch, unsern guten alten Stechlin. Und was das sagen will, das wissen wir. Wer gegen  uns  stimmt,  stimmt  auch  gegen  den  K"nig.  Das  ist  all  eins.  Das  ist  das,  was  man  jetzt solidarisch nennt." "Ja, Kraatz", nahm Molchow, an den sich diese Rede vorzugsweise gerichtet hatte, das Wort, "nennen Sie’s, wie Sie wollen, solidarisch oder nicht; das eine sagt nichts, und das andre sagt auch nichts. Aber mit Ihrem Wort über Rheinsberg, da haben Sie’s freilich getroffen. Aufmuckung war hier  immer  zu  Hause,  von  Anfang  an.  Erst  frondierte  Fritz  gegen  seinen  Vater,  dann  frondierte Heinrich gegen seinen Bruder, und zuletzt frondierte August, unser alter forscher Prinz August, den manche von uns ja noch gut gekannt haben, ich sage: frondierte unser alter August gegen die Moral. Und das war natürlich das Schlimmste." (Zustimmung und Heiterkeit.) "Und bestraft sich zuletzt auch  immer.  Denn  wissen  Sie  denn,  meine  Herren,  wie’s  mit  Augusten  schließlich  ging,  als  er durchaus in den Himmel wollte?" "Nein. Wie war es denn, Molchow?" "Ja,  er  mußte  da  wohl  ‘ne  halbe  Stunde  warten,  und  als  er  nu  mit  ‘nem  Anschnauzer  gegen Petrus rausfahren wollte, da sagte ihm der Fels der Kirche: ›K"nigliche Hoheit, halten zu Gnaden, aber es ging nicht anders.‹ Und warum nicht? Er hatte die elftausend Jungfrauen erst in Sicherheit bringen müssen." "Stimmt, stimmt", sagte Kraatz. "So war der Alte. Der reine Deubelskerl. Aber schneidig. Und ein  richtiger  Prinz.  Und  dann,  meine  Herren  –  ja,  du  mein  Gott,  wenn  man  nu  mal  Prinz  is, irgendwas muß man doch von der Sache haben ... Und so viel weiß ich, wenn ich Prinz w äre ..." Zwanzigstes Kapitel Um sechs stand das Wahlresultat so gut wie fest; einige Meldungen fehlten noch, aber das war aus Ortschaften, die mit ihren paar Stimmen nichts mehr ändern konnten. Es lag zutage, daß die 96
  
Die Tochter. Das Leben der Martha Fontane (Gebundene Ausgabe)
von Regina Dieterle
Siehe auch:
Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend
von Joachim C. Fest
Alles umsonst
von Walter Kempowski
Madame Proust
von Evelyne Bloch-Dano
Als Poesie gut. Schicksale aus Berlins Kunstepoche 1786 - 1807
von Günter de Bruyn
 
    
     
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