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Der Stechlin

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Sozialdemokraten einen beinahe glänzenden Sieg davongetragen hatten; der alte Stechlin stand weit zurück, Fortschrittler Katzenstein aus Gransee noch weiter. Im ganzen aber ließen beide besiegte Parteien dies ruhig über sich ergehen; bei den Freisinnigen war wenig, bei den Konservativen gar nichts   von   Verstimmung   zu   merken.   Dubslav   nahm   es   ganz   von   der   heiteren   Seite,   seine Parteigenossen noch mehr, von denen eigentlich ein jeder dachte: "Siegen ist gut, aber zu Tische gehen  ist  noch  besser."  Und  in  der  Tat,  gegessen  mußte  werden.  Alles  sehnte  sich  danach,  bei Forellen und einem guten Chablis die langweilige Prozedur zu vergessen. Und war man erst mit den Forellen fertig und dämmerte der Rehrücken am Horizont herauf, so war auch der Sekt in Sicht. Im "Prinzregenten" hielt man auf eine gute Marke. Durch  den  oberen  Saal  hin  zog  sich  die  Tafel:  der  Mehrzahl  nach  Rittergutsbesitzer  und Domänenpächter, aber auch Gerichtsräte, die so glücklich waren, den "Hauptmann in der Reserve" mit   auf   ihre   Karte   setzen   zu   k"nnen.   Zu   diesem   gros   d’armée   gesellten   sich   Forst-   und Steuerbeamte,  Rentmeister,  Prediger  und  Gymnasiallehrer.  An  der  Spitze  dieser  stand  Rektor Thormeyer   aus   Rheinsberg,   der   große   vorstehende   Augen,   ein   mächtiges   Doppelkinn,   noch mächtiger  als  Koseleger,  und  außerdem  ein  Renommee  wegen  seiner  Geschichten  hatte.  Daß  er nebenher auch ein in der Wolle gefärbter Konservativer war, versteht sich von selbst. Er hatte, was aber   schon   Jahrzehnte   zurücklag,   den   großartigen   Gedanken   gefaßt   und   verwirklicht:   die ostelbischen  Provinzen,  da,  wo  sie  strauchelten,  durch  Gustav  Kühnsche  Bilderbogen  auf  den richtigen Pfad zurückzuführen, und war dafür dekoriert worden. Es hieß denn auch von ihm, "er gelte was nach oben hin", was aber nicht recht zutraf. Man kannte ihn  "oben" ganz gut. Um  halb  sieben  (Lichter  und  Kronleuchter  brannten  bereits)  war  man  unter  den  Klängen  des Tannhäusermarsches  die  hie  und  da  schon  ausgelaufene  Treppe  hinaufgestiegen.  Unmittelbar vorher hatte noch ein Schwanken wegen des Präsidiums bei Tafel stattgefunden. Einige waren für Dubslav gewesen, weil man sich von ihm etwas Anregendes versprach, auch speziell mit Rücksicht auf die Situation. Aber die Majorität hatte doch schließlich Dubslavs Vorsitz als ganz undenkbar abgelehnt, da der Edle Herr von Alten-Friesack, trotz seiner hohen Jahre, mit zur Wahl gekommen war; der Edle Herr von Alten-Friesack, so hieß es, sei doch nun mal – und von einem gewissen Standpunkt aus auch mit Fug und Recht – der Stolz der Grafschaft, überhaupt ein Unikum, und ob er  nun  sprechen  k"nne  oder  nicht,  das  sei,  wo  sich’s  um  eine  Prinzipienfrage  handle,  durchaus gleichgültig.  Überhaupt,  die  ganze  Geschichte  mit  dem  "Sprechenk"nnen"  sei  ein  moderner Unsinn. Die einfache Tatsache, daß der Alte von Alten-Friesack dasäße, sei viel, viel wichtiger als eine Rede, und sein großes Präbendenkreuz ziere nicht bloß ihn, sondern den ganzen Tisch. Einige sprechen  freilich  immer  von  seinem  G"tzengesicht  und  seiner  Häßlichkeit,  aber  auch  das  schade nichts.  Heutzutage,  wo  die  meisten  Menschen  einen  Friseurkopf  hätten,  sei  es  eine  ordentliche Erquickung, einem Gesicht zu begegnen, das in seiner Eigenart eigentlich gar nicht unterzubringen sei. Dieser von dem alten Zühlen, trotz seiner Vorliebe für Dubslav, eindringlich gehaltenen Rede war  allgemein  zugestimmt  worden,  und  Baron  Beetz  hatte  den  g"tzenhaften  Alten-Friesacker  an seinen Ehrenplatz geführt. Natürlich gab es auch Schandmäuler. An ihrer Spitze stand Molchow, der dem neben ihm sitzenden Katzler zuflüsterte: "Wahres Glück, Katzler, daß der Alte drüben die große  Blumenvase  vor  sich  hat;  sonst,  so  bei  veau  en  tortue  –  vorausgesetzt,  daß  so  was  Feines überhaupt in Sicht steht–, würd’ ich der Sache nicht gewachs en sein." Und nun schwieg der von einem Thormeyerschen Unterlehrer gespielte Tannhäusermarsch, und als eine bestimmte Zeit danach der Moment für den ersten Toast da war, erhob sich Baron Beetz und  sagte:  "Meine  Herren.  Unser  Edler  Herr  von  Alten-Friesack  ist  von  der  Pflicht  und  dem Wunsch erfüllt, den Toast auf Seine Majestät den Kaiser und K"nig auszubringen." Und während der  Alte,  das  Gesagte  bestätigend,  mit  seinem  Glase  grüßte,  setzte  der  in  seiner  alterego-Rolle verbleibende  Baron  Beetz  hinzu:  "Seine  Majestät  der  Kaiser  und  K"nig  lebe  hoch!"  Der  Alten- Friesacker  gab  auch  hierzu  durch  Nicken  seine  Zustimmung,  und  während  der  junge  Lehrer abermals auf den auf einer Rheinsberger Schloßauktion erstandenen alten Flügel zueilte, stimmte man an der ganzen Tafel hin das "Heil dir im Siegerkranz" an, dessen erster Vers stehend gesungen wurde. 97
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Mit Vertrag über die abschließen...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsges...
Wettbewerbsrecht, Markenrecht und Kartellrecht
 
   
 
     
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